Zeche im Dornröschenschlaf

Stillstand und Wandel liegen bei der Zeche in Dinslaken-Lohberg dicht beieinander. Hinter dem neu entstandenen Kreativquartier mit Ateliers und Studios von Malern, Fotografen und Musikern zeigt sich ein Bild des Verfalls und Rückbaus. Vergangenheit, Zukunft und eine neue gegenwärtige Nutzung existieren auf 60 Hektar zusammen.

Die Zeche in Lohberg (Foto: Katja Köllen) Wer durch die Tür hinter dem Maleratelier tritt, landet in einer anderen Welt. Prägten einen Raum weiter noch blasslila Wände mit bunten Bildern die Räume, so herrscht hier absolute Dunkelheit. Fast. Nur ein heller Scheinwerfer in der Ecke lässt den Raum in einem grellen Licht erscheinen. An der Decke hängen Metallkörbe, lange Schnüre verlaufen neben Sitzbänken Richtung Decke. Hier in der Kaue zogen sich früher die Bergmänner um, ehe sie unter Tage gingen. Neben der Schnur mit der Nummer 522 hängt das Abziehbild eines tanzenden Löwen.

Stillstand und Wandel prägen diesen Ort, an dem fast 100 Jahre lang rund 4.000 Bergmänner zwischen Tageslicht und absoluter Dunkelheit wechselten. 2005 wurde die Zeche in Dinslaken-Lohberg geschlossen. Der Rückbau der Gebäude begann. Doch nicht in allen Räumen herrscht Dornröschenschlaf. Im alten Verwaltungsgebäude und dem Sozialgebäude der Zeche begann vor zwei Jahren das neue, das zweite Leben der Zeche. Künstler und Kreative entdeckten das Gelände für sich. Mit der Kulturhauptstadt entstanden Kreativquartiere in zehn Städten des gesamten Ruhrgebiets – teilweise aus fünf bestehenden Quartieren, teilweise komplett neu. Hier sollen durch die räumliche Nähe der Künstler zueinander neue Netzwerke wachsen. „Es ist das erste Mal, dass nicht nur die Künstler alleine, sondern auch die Wirtschaftsförderer und Planer gemeinsam an einem Tisch sitzen“, sagt Ilka Cirkel, die bei der Wirtschaftsförderung „metropoleruhr“ für die Kreativquartiere zuständig ist. Wenn diese Runden Tische auch nach dem Kulturhauptstadtjahr weiterhin bestehen würden, sei schon viel gewonnen. Mustafa Tazeoglu, Projektleiter der Kreativquartiere, sieht in diesen einen Anstoß und keine fertige Lösung: „Bei uns steht die Kommunikation im Vordergrund. Wir behaupten nicht, was wir hier machen ist der Oberhammer, sondern wir wollen herausfinden, ob und wie urbane Entwicklung vorangetrieben werden kann.“ Die Kreativquartiere sieht er als Testlabore und Lohberg als Sonderstandort, da es sich hierbei um ein Randquartier handelt, das weder „hip noch urban“ ist. Dennoch hat Lohberg eigene Vorteile: „Lohberg lebt von den Rückkehrern. Früher hat der Mann von einer der Kreativen als Steiger hier im Bergbau gearbeitet. Oder andere haben vor Ort etwas geerbt und sehen hier eine neue Jobperspektive“, sagt Tazeoglu. Die Menschen in Lohberg seien mit dem Ort verbunden, hätten hier ihre Heimat. „Das sind nicht die Kreativen, wie in Berlin, die mal kurz irgendwo was machen und dann wieder abhauen.“
Warten auf neues Leben: Leere Halle in Lohberg (Foto: Katja Köllen)
In der Halle des alten Verwaltungsgebäudes sind auf einem Bild drei Männer vor den rauchenden Schloten des Ruhrgebiets zu sehen. Zwei Bergmänner und ein Bauer. Versteckte Hinweise auf eine andere, frühere Zeit sind auch in dem neuen Kreativquartier zu finden. „Betreten auf eigene Gefahr“ heißt es an einer Stelle oder auch der Zimmerhinweis „Bergwerksdirektor Sekretariat K1.1.10“. Doch hinter den massiven Holztüren, die im ersten Stock rund um die lichte Halle verlaufen, arbeiten heute Maler, Fotografen, Musiker. Sie alle haben hier eine neue Schaffensstätten gefunden – große Räume, ein kreatives Umfeld. „Das Ambiente ist toll, hier passt wirklich alles perfekt für uns“, sagt die Fotografin Angelika Barth vom Fotostudio Sonderschicht. Sie bezeichnet sich selbst und ihre Kollegin als „totale Ruhrgebietskinder“. Vater und Großvater der beiden haben in Zechen gearbeitet, auch in Lohberg. Laut einer Studie wünschen sich Dreiviertel der befragten Kreativen die räumliche Nähe zu anderen Kreativen. Neben der technischen Ausstattung eines Standorts – Internet, Telefon, Strom – muss aber auch der Charme stimmen. „Es werden eher industriell-kulturelle Anlagen anstatt Büroneubauten gesucht“, sagt Ilka Cirkel. Mittlerweile ist die komplette erste Etage des Gebäudes vermietet, elf Ateliers, Foto- und Tonstudios sind hier entstanden. „Besonders wichtig ist uns die bunte Mischung der Branchen im Kreativquartier“, sagt Ulf Siemes, der als Planer bei RAG Montan Immobilien tätig ist, der ein Teil des Zechengeländes gehört. Immer wieder kommen heute Besucher aus dem Ort oder von außerhalb, um sich das Kreativquartier anzusehen oder Ausstellungen zu besuchen.

Die Materialien des Bergbaus leben in den Ateliers weiter. Gabriele Sowa und Ulrike Int-Veen arbeiten als Malerinnen mit Kohle, Rost oder auch verschiedenen Fundstücken des Zechenareals und organisieren gemeinsam Ausstellungen. Der Kontakt mit den anderen Künstlern ist sehr befruchtend. „Da ist eine gewisse Seelenverwandtschaft und ein Austausch untereinander“, beschreibt Ulrike Int-Vent vom Atelier Magenta. „Bei der künstlerischen Arbeit ist man eigentlich viel auf sich alleine gestellt und da ist so ein Miteinander sehr anregend.“

Ein paar Meter weiter, aus dem Haus raus, über das Gelände, dass ohne die angrenzende Halde so groß ist, wie die Düsseldorfer Altstadt, stehen die alten Gebäude der Zeche. Die Schwarzkantine und die Weißkantine. Lager- und Werkshallen, das ehemals größte Grubengaswerk Europas. Seit mehreren Jahren schon werden die Gebäude zurückgebaut, einige stehen unter Denkmalschutz, sie warten auf eine neue Nutzung. Ein städtebauliches Strukturkonzept das beschreibt, wie es mit dem Standort weitergehen soll, gibt es bereits. Bis 2015 soll zumindest schon einmal die Infrastruktur vorhanden sein für das, was noch in der Planung ist. Ein Park, ein Wohn- und ein Gewerbegebiet sowie Fuß- und Radwege.
Mustafa Tazeoglu sieht diese Entwicklung eher kritisch: „Ich glaube an die Kreativen vor Ort, aber nicht an die RAG Montan. Wir können uns gar nicht vorstellen, was es bedeutet über 320 Hektar umzugestalten und dann diese riesige Fläche einer neuen Nutzung zuzuführen, wenn aktuell die Menschen im Kreativquartier noch nicht einmal eine vernünftige Internetverbindung haben.“
Die Umnutzung soll die Zeche zu einem neuen Lebens-, Arbeits- und Freizeitort machen und den Lohbergern den Ort zurückgeben, den sie – solange sie hier nicht als Bergmänner gearbeitet haben – noch nie betreten haben. „Das Ziel ist es, diesen Stadtteil zu einem lebendigen Quartier zu entwickeln“, sagt Ruth Reuter, Stadtplanerin im Planungsamt Dinslaken und zuständig für die Kreativquartiere.
Ein Schild aus früheren Zeiten (Foto: Katja Köllen)
Momentan darf niemand ohne offizielle Führung, Helme und Sicherheitsschuhe auf das Gelände. Regnet es, sind die Böden aufgeweicht, asphaltierte Wege gibt es nicht. Die Fenster der Hallen sind von Löchern geprägt, große Rohre ragen aus dem Gebäude ins Nichts. Und dann gibt es die Stellen, an denen sichtbar wird, was die Schließung der Zeche Lohberg hat vergessen lassen: Menschen, die sich mit diesem Ort identifizieren, die hier gearbeitet haben, oftmals 16 Stunden am Stück. „Bergwerk Lohberg, wir werden dich vermissen“ steht an einer Wand. In einem Kasten hängt noch der aktuelle Dienstplan. Jemand hat einen Stuhl mit einem grünen Kreuz mitten in eine riesige, leere Halle gestellt. „Strukturwandler“ steht mit einem Richtungspfeil nach links in Türkis auf einer Metallwand. „Manchmal kommen Menschen hierher und zeigen ihren Frauen zum ersten Mal ihren Arbeitsplatz. Dann sagen sie, hier das war mein Korb, da habe ich meine Kleidung hineingelegt und dann fangen sie an zu weinen“, sagt Ulrike Int-Veen. „Solche Momente berühren einen tief.“

Sabrina Gundert

Der Artikel ist beim Multimediaseminar der JONA in Essen zum Thema „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ entstanden. Weitere Artikel finden Sie hier.